vuelta

Gastbeitrag: Inhalt von Andrea Jänisch, geschrieben von Kerstin Pauly

Unser Pferd und wir haben jetzt die Rinder betrachtet und mit sicherem Begleitpferd die Herde schon ein wenig umrundet und hin und her getrieben (siehe: Rinderarbeit Teil 1: Wie fange ich überhaupt an?).
Das Führpferd hat die Rindergruppe für uns geteilt und unser Pferd ist mehr oder weniger mutig durch die Gruppe hindurch gelaufen. Je nach Worker-Rindern und Coolness des Pferdes kann man jetzt auch schon versuchen selber die Herde zu teilen oder vor dem letzten kleinen Rindchen noch hindurch zu schlüpfen.
Das erfahrene Pferd kann hinter dem Learner ruhig optisch ein bisschen mit schieben; das unerfahrene Pferd fühlt sich dann so, als hätte es die Teilung selbst geschafft. Falls der Learner stehen bleibt oder stockt, sollte das erfahrene Pferd unbedingt helfen, damit bei dem Einsteiger kein Zweifel oder sogar Angst aufkommt.

Mutige Pferde fangen jetzt schon an aktiv auf die Rinder zuzulaufen (dies gerne zulassen, da es das Selbstbewußtsein und die Motivation vom Pferd ungemein steigert!).

Exkurs 1: Apropos Selbstbewusstsein, diesmal vom Reiter: Rinderarbeit ist eine aufregende Sache. Auf einmal passieren Dinge in der Bahn, auf die der Reiter kurzfristig wenig oder auch gar keinen Einfluss hat. Daran muss man sich erstmal gewöhnen.

Was kann passieren? Beispiele:

  • Das Pferd bekommt einen Schreck, weil die vielleicht ebenso nervösen Rinder als geballte Gruppe auf einen zugelaufen kommen. Da ist schon mal eine ungeplante 180 Grad Drehung möglich, also gut die Beine dran! (Man darf sich auch mal festhalten, es geht hier nicht um Eitelkeit)
  • Oder die Rinder rennen los und mein Pferd will mit – weil es sich zu recht sagt: „Ich bin ein Herdentier und die (zugegebenermaßen etwas seltsam aussehende) Herde rennt weg, ich renne mal lieber mit.“
  • Oder sehr erfahrene und höchst motivierte Worker-Pferde machen viel Wind und Druck bei ihrem eigenen Einsatz am Rind und unser Learner-Pferd wird von der Stimmung angesteckt und will mehr oder weniger planlos irgendwo hin mitrennen ggfs. mit Freudensprungeinlagen (vor allem zur Freude des Reiters 😉  )
  • Oder wir haben auf einmal überraschend selber ein wild entschlossenes Worker-Pferd unter uns, von dem wir bisher gar nicht wussten, dass Rinderarbeit seine eigentliche Bestimmung ist. Manchmal fängt das Pferd schon selbstständig an am Rind zu arbeiten, obwohl der Reiter mental noch gar nicht so weit ist.

Viele iberisch geprägte Pferde (Quarter Horses ja sowieso) entwickeln auf einmal einen beeindruckenden Cow-Sense und der Reiter sollte dieses Engagement flugs in geregelte Bahnen lenken, sonst kommen vom Pferd ganz eigene Interpretationen der Rinderarbeit, wie wildes hin- und her Springen, sowie in das nichts ahnende Rind zu beißen (was gar nicht erlaubt ist!).
Aber auch alle anderen Pferderassen zeigen nach kurzer Zeit oft einen erstaunlichen Cow-Sense und möchten sehr aktiv am Geschehen teilnehmen.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie schnell und selbstständig Pferde auf einmal arbeiten, haben sie das Spiel einmal verstanden. Aber auch die Rinder lernen sehr flink, können die Pferde gut lesen und mit- oder gegen den Worker arbeiten. Dies erfordert einen gewissen Mut und natürlich Sattelfestigkeit vom Reiter. Wenn man sich nicht so sicher ist, sollte man lieber etwas länger in der „zweiten Reihe“ bleiben, sich weitestgehend aus allem heraushalten und „learning by watching“ betreiben.

Dry Work: Rollbacks/Vueltas

Wahrscheinlich habt ihr jetzt auch bemerkt, dass das eigene Pferdchen doch gar nicht soo rittig ist, wie man bisher angenommen hatte. Das Lästige an der Rinderarbeit ist: Der Reiter bekommt seine eigenen Unzulänglichkeiten ganz schnell links und rechts um die Ohren…

Kommen wir also zur sogenannten Dry Work… Was kann – ohne Rinder – vorab geübt werden?

rinderarbeit

Rinderarbeit schult das Reaktionsvermögen von Pferd und Reiter

Um spurtschnell, wendig und reaktiv auf die erstaunlich flotten Rinder (auch die großen „Dicken“!) reagieren zu können, ist es essentiell wichtig, das Pferd auf die Hinterhand zu bringen. Es muss die Last spontan auf die Hinterbeine verlagern können, um die Schulterpartie leicht zu bekommen.
Wie bringe ich das meinem Pferd bei?
Super sind sog. Rollbacks* an der Bande. (*To roll back – zurück rollen)
Voraussetzung für einen Rollback ist, dass man sein Pferd fließend ohne Widerstand anhalten und Rückwärts schicken kann. Es empfiehlt sich, das normale Dressurreiten spontan zu vergessen und die Hilfen kurz und impulsartig zu geben. Das Pferd sollte sich außerdem vom Reiter wahlweise um die Hinterhand oder Vorhand bewegen lassen und zwar in beide Richtungen.

Rollback richtig reiten:

  • Beim Rollback läuft das Pferd an der Bande entlang,
  • der Reiter stoppt über Signal (Gewichtsverlagerung nach hinten, Zügel oder/und Stimme),
  • gibt einen kurzen Impuls ins Rückwärts – um das Gleichgewicht nach hinten zu bringen,
  • und dreht das Pferd auf der Hinterhand herum.

Pferde, die zum Davonlaufen neigen, werden in Richtung Bande gedreht (Achtung Pferdekopf – genug Abstand zur Bande halten), ruhigere Pferde ins Bahninnere.

Der äußere Schenkel „schubst“ nahe am Gurt die Schulter um die Hinterhand herum, das innere Bein liegt am Gurt und gibt „Platz“ in die Bewegungsrichtung.
Der innere Zügel darf jetzt auch mal zur Seite genommen werden um dem Pferd „den Weg zu zeigen“, der äußere Zügel begrenzt.
Der Reiter bleibt unbedingt senkrecht – eher zurückverlagert – sitzen, um das Gleichgewicht wirklich nach hinten zu bringen.

Hat das Pferd diesen Bewegungsablauf gelernt, lässt der Reiter es nach erfolgter Drehung sofort weiterlaufen.
(Jetzt darf das fleißigere Pferd bei seinen Rollbacks auch ins Bahninnere drehen).

vuelta media

Der Rollback wird in der iberischen Reiterei Media Vuelta oder Vuelta alta genannt – das Pferd erhebt dabei die Vorderhand.

Ihr werdet merken, dass das Pferd schnell daran Spaß findet und anfängt auf die angedeutete Hilfe eigenständig zu drehen. Manchmal erheben sie sich sogar schon mit der Vorhand, dann kann man es auch Media Vuelta oder Vuelta alta nennen, falls man eher iberisch orientiert ist 🙂

Bitte besteht beim Üben auf den einen essentiellen Schritt rückwärts, damit das Gleichgewicht korrekt nach hinten kommt. Die Pferde werden nämlich sehr schnell selbstständig und drehen gern irgendwie um, um dann wild loszurennen.

Wenn Reiter und Pferd fortgeschrittener werden, kann man die Rollbacks oder „Vuelta’s“ auch mitten in der Bahn üben, es ist deutlich schwerer das Pferd gerade und auf einer gedachten Linie zu halten.

Exkurs 2:
Ihr werdet merken, dass eine Seite immer super geht und auf der anderen kommt das Pferd „irgendwie nicht so herum“. Meistens ist es die sog. hohle Seite, die mehr Probleme macht. Das Pferd biegt sich selber zu stark oder der Reiter blockiert das Pferd durch einen inneren, ziehenden Zügel, so dass sich das Gewicht in der Drehung wieder nach vorne (auf den Zügel) verlagert. Dadurch wird die Schulter schwer und der innere Hinterfuß kann nicht unter dem Körper Last aufnehmen, sondern weicht vielleicht sogar aus. Die Idee ist, dass das Pferd sich selber ins Gleichgewicht nach hinten bringt und flink auf der Hinterhand dreht, um dem Rind schnell folgen zu können. Eine durchgesprungene Dressurpirouette wäre in diesem Fall viel zu langsam – Rind wäre weg…
hankenbeugung

Beim Rollback sollte das Pferd gerade in Schulter und Hals gehalten werden.

Versuche Dein Pferd also bei Rollbacks gerade in Schulter und Hals zu halten. In Folge muss man auf die Hankenbeugung achten (Gleichgewicht nach hinten) und da beginnt ein wirklich korrektes Biegen – nicht im Hals, sondern im Körper! Das Biegen beginnt geradezu von alleine, wenn das Pferd sich – der Aufgabe folgend – nach hinten verlagert und dem Rind hinterher dreht. Auf einmal fällt das Pferd nicht mehr gegen den inneren Schenkel, sondern ist in der Lage sich korrekt in einer Körperbiegung im Gleichgewicht zu drehen. („Stört der Reiter diesen Prozess nicht allzu sehr“, verhilft uns die Rinderarbeit zu diesen tollen Ergebnissen, auf die wir in der normalen Dressurarbeit vielleicht schon lange hinarbeiten, denn auf einmal ergibt die Übung für das Pferd einen Sinn!!!)

Hier nochmal in Kurzform die Vorteile der Rinderarbeit:

  1. der Reiter lernt die Rinder zu lenken – kontrollieren
  2. das Pferde lernt und versteht die Aufgabe bzw. Abläufe
  3. jetzt hat der Reiter einen Plan (hoffentlich) und das Pferd den Ehrgeiz es gut zu machen.

Resultat: das Pferd merkt selbst, dass es besser zurecht kommt und schneller in einer guten Position ist, wenn es die Hinterhand und alle Gelenke präzise und geschmeidig bewegt = sich immer wieder selbst versammelt.

Eine tolle Übung ist das sogenannte „gespiegelte Reiten“

Man nehme einen Partner zu Pferd (zur Not auch ohne Pferd – „Bessere Hälften“ machen das aber erfahrungsgemäß nicht lange mit, sie wollen dann entweder selber ein Pferd oder zumindest ein Bier haben)
Ein Reiter spielt jetzt die „Kuh“ und der andere Reiter versucht dieser „Kuh“ auf gleicher Höhe parallel zu folgen. Dreht die „Kuh“ um, dreht auch der Reiter mit Front zur „Kuh“ in einem Rollback oder Vuelta um. Oder der Reiter versucht der „Kuh“ mit dem gebührenden Abstand den Weg abzuschneiden, welches wieder ein Kurzkehrt der „Kuh“ mit anschließendem Spurt zur Folge hat. Dies übt ungemein und ergibt bei hohem Können ein wunderschönes Schaubild. Natürlich sollte man die Rollen auch mal wechseln.

Viel Spaß bei der „Dry Work“, beim nächsten Blogbeitrag besprechen wir, wie man eigentlich treibt…

 

 

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